Wortgarage

Sonstiges

Es würde nie wieder stimmen



"Er antwortete nicht. Er dachte an Hans Meyer. Fast spürte er, wie der alte Mann ihm über den Kopf strich. Als Kinder waren sie mit ihm angeln gewesen, die Forellen hatten sie über dem Feuer gebraten und nur mit Salz und Butter gegessen. Philipp und er lagen im Gras, Meyer saß auf einem Baumstamm, hochgekrempelte Hosen und Gummistiefel. Er erinnerte sich an das dunkle Grün der Bäume und das dunklere Grün des Bachs, in dem sie die Fische fingen. Die Zigarren des alten Mannes, der warme Rauch und die Hitze des Sommers. Das alles stimmte nicht mehr. Es würde nie wieder stimmen."


Ferdinand von Schirach aus "Der Fall Collini"


2011-09-27 - Der Fall Collini


Heute morgen gelesen ... stark und zum Nachdenken sehr anregend.

3 Kommentare 26.8.12 10:00, kommentieren

Verlangsamung



"Verlorene Tage gibt es nicht, meinte Loos, und Antriebsmangel, verstanden als ziviler Ungehorsam, als Gegenkraft zum großen Treiben, sei ein Symptom der Gesundheit. Alles, was der Verlangsamung diene, sogar ein ausgedehntes Frühstück, komme der Volksgesundheit zugute, die so gefährdet sei wie nie zuvor, weil mehr und mehr Menschen das Gefühl hätten, der rasenden Mechanik nicht mehr gewachsen zu sein und auf der Strecke zu bleiben."


Markus Werner aus "Am Hang"


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1 Kommentar 22.8.12 07:27, kommentieren

Nach Hause schwimmen




"Es wird Zeit, dass ich von hier verschwinde. Ich bin nicht mehr und nicht weniger ein Fall für den Psychiater als die meisten Menschen, denen ich begegnet bin, draußen und hier drin. Für mein Alter besitze ich eine umfangreiche Sammlung von Macken. Ich bin komplex, nicht verrückt. Niemand soll sich anmaßen, in mir lesen zu wollen wie in einem Buch. Ich bin kleingedruckt, mein Titel verschwindet unter dem Staub einer verlassenen Bibliothek. Mein Leben hat einen starken Hang zum Tragischen, nicht ich. Ich wünsche mir Einklang, flach verlaufende Bahnen, Stille. Ich ziehe die Ereignislosigkeit dem Toben des Schicksals bei weitem vor. Mein Idealzustand wäre, in Ruhe gelassen zu werden."


Rolf Lappert aus "Nach Hause schwimmen"



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Geniesst Euer Wochenende und lasst es Euch gutgehen.


2 Kommentare 10.8.12 10:03, kommentieren

Besonders



"Dieser Mann", schrie Frau Reis, der Tonfall war mir merkwürdig vertraut, als hätte ich nur darauf gewartet, "dieser Mann hier hat meiner Tochter, als sie fünf Jahre alt war, das Leben gerettet. Wissen Sie, wie man ein Leben rettet? Oder haben Sie nur gelernt, wie man eines auslöscht? Seither besteht eine besondere Beziehung zwischen diesem Mann und meiner Tochter. Das braucht man nicht in den Dreck zu ziehen, niemand darf das, haben Sie mich verstanden! Er ist ihr Schutzengel. Das können Sie in Ihrem phantasie- und mitleidlosen Hirn natürlich nicht verstehen. Sie sitzen hier fett herum mit Ihrem Gürtel, an dem nichts mehr Platz hat vor lauter Handy, Schlagstock, Pistole und Leatherman, rühren nicht einen Finger, um meine Tochter zu finden, kränken aber den besten Freund, den sie auf der Welt hat. Kennen Sie diesen Mann überhaupt? Er ist einer der bedeutendsten Schriftsteller unseres Landes ..." Und so ging's weiter. Frau Reis war meine Anwältin. Sie hob mich in den Himmel, wie sie bei anderer Gelegenheit jemand anderen - ihre Tochter zum Beispiel - in die Hölle geschlagen hatte und wieder schlagen würde.


Michael Köhlmeier aus "Madalyn"



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1 Kommentar 2.8.12 17:56, kommentieren

In Plüschgewittern



"Nachts lag ich zerkratzt im Bett, schaute beunruhigt zu den Sternen hinaus und dachte an das Mädchen mit den hellblauen Jeans, ihre schräg in den Kopf gestellten Augen, ihre angenehm schleppenden Bewegungen, daran, dass ich ja genaugenommen nichts über sie wusste. Ich fand es lächerlich, ständig an jemanden zu denken, von dem man nichts wusste, konnte es aber nicht abstellen."



Wolfgang Herrndorf




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25.7.12 07:49, kommentieren

Riskieren



"Wenn Du wirklich leben willst, musst du etwas Dramatisches riskieren, sonst lohnt sich das Leben nicht. Wenn du etwas riskierst, erlebst du auch schlimme Dinge, aber du lernst vor allem eine Menge und lebst und verstehst immer mehr. Vor allem wirst du nicht langweilig. Das ist das Allerschlimmste: langweilig zu werden."


Françoise Gilot


Und nachträglich zum 65. Geburtstag von Carlos Santana ... noch einer, mit dem man groß geworden ist und weiter im Leben ...

 


1 Kommentar 21.7.12 08:27, kommentieren

All die Aureblecke


Fünf Uhr morjens un en Katz läuf övver‘t Daach,
Eezte Strooßebahne, koote Sommernaach.
Cargo-Fliejer starte immer noch enn Wahn,
Trucks uss Almeria kumme endlich ahn.
Un do, ‘ne Jüterzoch,
En Siren, Ambulanz oder Schmier.
Ach ja, Duuve gurre och,
Un minge Hungk dräump, dat e‘ jefährlich wöhr.

 

Jeht klar, kein Frooch – et ess alles okay,
Och die kostbarste Momente jonn vorbei.
Schon klar, doch – hey – dat deit nit ens wieh.
All die Aureblecke nimmp mir keiner mieh.
Janz bestemmp, die nimmp mir keiner mieh.

 

Sick ich denke kann, wohr alles Rock’n‘Roll,
Alles uss der Hüfte, ohne Protokoll,
Ohne Kompass, he un do ‘n verbrannte Bröck,
Volles Rohr un kein Jefangne, kei Zoröck.
Ja klar, einiges jing schief,
Ävver wat heiß dat schon? Dat wohr dä Deal.
‘t ess wohr, wat letzendlich blieht,
Da‘ ‘ss die Jewessheit: Dä Wääsch ess et Ziel.

 

Jeht klar, kein Frooch – et ess alles okay,
Och die kostbarste Momente jonn vorbei.
Schon klar, doch – hey – dat deit nit ens wieh.
All die Aureblecke nimmp mir keiner mieh.
Janz bestemmp, die nimmp mir keiner mieh.

 

Manche Aureblecke verjisste nie,
Die sinn wie Fotos uss der Holographie.
Schlaach dä Rest bei Aristoteles noh,
Schlaue Mann, schon vüür mieh als zweitausend Johr.
Janz bestemmp.


 

Nä, nä, kein Frooch – et ess alles okay,
Och die kostbarste Momente jonn vorbei.
Schon klar, doch – hey – dat deit nit ens wieh.
All die Aureblecke nimmp mir keiner mieh.
Janz bestemmp, die nimmp mir keiner mieh.




Wolfgang Niedecken



Was für ein wunderbares Konzert gestern Abend auf dem Gaffenberg - 3 Stunden bester Rock'n Roll aus Köln.


2 Kommentare 15.7.12 10:37, kommentieren