Wortgarage

Strassen wie diese

Durch Strassen wie diese führte mein Schulweg, sieben Jahre lang; viele tausend Male bin ich durch solche Strassen gegangen, aber nie in sie eingedrungen; erst viel später – in der Erinnerung – begriff ich, was Strassen wie diese bedeuten, ich begriff es, wie man plötzlich Träume begreift, wenn ich in fremden Städten stundenlang durch Strassen ging und eine wie diese suchte, aber nicht fand. Diese Strassen sind wie die Wohnzimmer kinderreicher Sippen, in denen nach dem geschriebenen Gesetz der Vater das Oberhaupt ist, nach den ungeschriebenen und wirksameren aber die Mutter. Das Leben verläuft anarchisch, das heisst: nach strengen Regeln, die alle ungeschrieben sind; die Männer dürfen gelegentlich ihre Streitereien ausfechten, denn Eifersuchtsdramen heben das Ansehen der Frau, aber es darf nicht zu ernst werden: Blut ist ein kostbarer Saft, den man nicht gerne opfert, am wenigsten gern auf Schlachtfeldern, denn man weiss in diesen Strassen: das Leben ist kurz, es verläuft hier rascher als anderswo und ist doch ewig unabänderlich; wie bei einem Bagger, der den Flusslauf reinigt, weiss man nie: ist das Wasser, das die Schöpfräder hochbringen, immer dasselbe oder nur das gleiche Wasser?
Mädchen kreuzten meinen Schulweg, balgten sich am Strassenrand, heute – morgen, so schien es mir, waren sie schon junge Frauen, übermorgen Mütter; in diesen Strassen wird man kein Backfisch; und ich ging immer noch zur Schule, da brachten diese jungen Frauen schon ihre Erstgeborenen mit frisch geschnittenem Haar, sauber gebürstet, mit nagelneuen Ranzen und der prallen Tüte ans Schultor; weinend taten sie es, sie wussten, das geschriebene Gesetze anfingen, wirksam zu werden, weinend taten sie es, denn die Träne ist der Preis für den Genuss und die Erkenntnis der Vergänglichkeit.
Streikende sah ich, rote Fahnen, Panzer fuhren auf, und die Polizisten leiteten unseren Schulweg auf sichere Pfade um, durch bürgerliche Strassen, mit strengen, abweisenden Fronten, leer waren diese Strassen, nur selten spielte dort einmal ein Kind, langweilig waren sie, und ich war froh, wenn der Streik vorüber war und der Schulweg wieder durch heitere Strassen wie diese verlief. Schmuggler sah ich, die der Polizei Tausende von leeren Zigarettenschachteln vor ihre Haustüren stapelten, ganze Türme von Leergut, aus dem die gepanschte Ware längst verkauft war; aber eins blieb immer gleich, sieben Jahre lang, siebzig, siebenhundert Jahre: der Karneval, der einfach ausbrach, und im Rhythmus des Jahres, so wie die Patronatsfeste der Pfarreien fielen, Prozession und Kirmes: goldene Lämmer aus Gips wurden von weissgekleideten Mädchen getragen, rote Herzen Jesu, Lilien, barocke Laternen und auf roten Samtkissen die goldenen Symbole für Glaube, Hoffnung und Liebe: Kreuz, Anker und Herz.
Viel später, in der Erinnerung erst, begriff ich, was das ist: Volk. Volk ist der älteste Adel mit den strengsten Gesetzen, stolz und unnahbar. Jahrhundertelang oft wohnen ganze Sippen in Strassen wie dieser, verbergen ihren Reichtum, verbergen ihre Armut, pflegen ihre Kranken, ihre Krüppel in immer derselben Wohnung. Fremde werden aufgenommen, mögen sie Stanislaus, John oder Luigi heissen, Jan oder Sven; es gibt nur eine einzige Münze für Haben und für Soll: Treue und die Anerkennung der Gesetze, die niederzuschreiben unmöglich wäre, deren Grösse und Härte in ihrer Ungeschriebenheit besteht. Das geschriebene Gesetz ist immer der Auslegung unterworfen, Ermessensstreit wird ausgefochten, Anwälte spitzen Zungen und Feder; das Gesetz dieser Strassen kennt nur zwei Antworten auf die Frage: „Schuldig?“ Ja – oder Nein. Schuldig, ein Mädchen sitzen gelassen zu haben, schuldig, der Sippe nicht den gebührenden Tribut gezahlt zu haben, schuldig, Verrat geübt zu haben. Der Strafen gibt es viele, von der Ächtung bis zu denen, die mit Messern vollstreckt werden, wobei die Ächtung  oft schmerzlicher den Schuldigen trifft als der Denkzettel mit dem Messer; es gibt Verweise, Mahnungen, dunkle, es gibt Bewährungsfrist; manchmal entzieht sich der Schuldige durch die Flucht, doch auch das geschieht selten, denn wer in solche Strassen einheiratet – nicht immer vor Gesetz und Kirche, und doch gibt es keine Scheidung – weiss den Preis und entrichtet ihn.
Vielleicht wird nur in Strassen, wie diese eine ist, richtig gelebt; heftig ist die Blüte der Frauen, Blumen im Haar, und der Troubador hängt, wenn er zu Besuch kommt, seine Mandoline neben das Muttergottesbild, vor dem die rote Lampe brennt; heftig sind die Gefühle: Liebe und Hass, Mitleid und Härte, und man hat ein Gefühl für Unmenschlichkeit und für das Lächerliche: niemals ist die SA frohen Mutes durch solche Strassen marschiert; der Wurfgeschosse gibt es viele: Apfelsine, Blumentopf, Nachtgeschirr, und noch hat keiner den Panzer erfunden gegen die Verwundung, die so rasch tötet: das Gefühl, lächerlich zu sein. Man liebt Armeen nicht, denn man weiss, sie schleppen die Söhne fort, in die Wüste, in die Steppe, in Strassen, wo sie auf ihresgleichen schiessen müssen und von ihresgleichen erschossen werden, und Armeen verderben die Töchter, suchen sie aus dem Bereich der ungeschriebenen in den geschriebener Gesetze zu ziehen.
Strassen wie diese bilden sich nicht mehr neu; wie alles, was heidnische Züge hat, sind sie an uralte Konventionen gebunden und an den Ort, an die Laren; sie sind nicht zu verpflanzen, ihr Geist geht unter mit dem Ort, an dem sie lagen; zum Glück haben einige von ihnen das Bombardement überdauert; die leeren Fensterhöhlen sind wieder mit Glas und Gardinen, mit Blumen gefüllt, Frauen mit Säuglingen auf dem Arm stehen wieder in den Türen, rote Samtpolster werden wieder durch die Strassen getragen, mit goldenen Symbolen für Glaube, Hoffnung und Liebe: Kreuz, Anker und Herz. Diese Strassen können nur als Ganzes leben, nicht in Partikeln, sie sind wie Pflanzenkolonien, die sich aus geheimen Wurzeln nähren; in ihnen lebt es noch, uralt, stolz, unnahbar und seinen Gesetzen treu: Volk.


Heinrich Böll

Aus dem wunderbaren Buch „Unter Krahnenbäumen“

Heute könnt Ihr den Text von Böll entweder selbst lesen oder Euch von Wolfgang Niedecken vorlesen lassen ... so oder so wünsche ich Euch viel Freude damit und ein schönes Wochenende. Liebe Grüsse.

 

 

23.8.08 07:00

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