Wortgarage

Fremdtexte

Widerwasser




"Ich möchte ohne jede Verstellung in meine wirkliche Haut zurückkehren", sagte Mauro nach kurzem Überlegen. Sein Blick verlor sich irgendwo an der Zimmerdecke. "Wissen Sie, es kommt mir vor, als hätte sich der Fluss meines Lebens für ein paar Tage gestaut - als sei ich sozusagen ins Widerwasser geraten und von mir weggetrieben worden. Ich hatte Gelegenheit, mein Leben zu betrachten, das ich wegwerfen wollte. Ich habe genug gesehen. Mich zieht's in den Fluss zurück."
Limacher nickte: "Ein Widerwasser ist eine gefährlich Sache."



Paul Wittwer aus "Widerwasser"



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Herzlichen Dank, lieber Rainer, für die wunderbare CD von Carolin No.

1 Kommentar 28.5.12 08:38, kommentieren

Lieber Karl




Lieber Karl,
seit du mir abhanden gekommen bist, habe ich keinen Brief mehr geschrieben. Es ist Winter, lieber Karl. Manchmal setze ich mich auf die breite Fensterbank und wärme mich hinter einer verschmutzten Fensterscheibe. Die Sonne steht tief. Wenn ich an dich denke, erinnere ich mich, dass Fensterputzen etwas völlig Unwichtiges ist. Viel hat sich nicht verändert, was dich, Karl, angeht. Ich habe wiederholt versucht, mir dein Verschwinden, oder zumindest den damit verbundenen Schmerz als Ritze vorzustellen, die immer kleiner und enger werden würde, so wie Holz sich verändern kann mit den Jahren.




Lisa Elsässer aus "Die Finten der Liebe"


Das ist der Auszug einer Geschichte von Lisa Elsässer, die wir gestern ganz an den Solothurner Literaturtagen hören konnten. Das Besondere: Sie wurde im Dunkelzelt von Yvonn Scherrer, einer blinden Redakteurin vorgelesen. Mehr zu dazu hier und hier.
Heute gehen die Literaturtage 2012 zu Ende ... sie sind immer wieder lohnenswert.


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2 Kommentare 20.5.12 07:50, kommentieren

Blau




Die Neigung des Blau zur Vertiefung ist so groß, daß es gerade in tieferen Tönen intensiver wird und charakteristischer innerlich wirkt. Je tiefer das Blau wird, desto mehr ruft es den Menschen in das Unendliche, weckt in ihm die Sehnsucht nach Reinem und schließlich Übersinnlichem. Es ist die Farbe des Himmels, so wie wir ihn uns vorstellen bei dem Klange des Wortes Himmel.


Wassily Kandinsky



Aus dem wunderbaren Buch "Blau die himmlische Farbe".

 

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16.5.12 07:38, kommentieren

48. Tag - Tasman-See




Der Seemann sehnt sich stets an Land. Dort ist die Heimat. Ist er eine Zeit in der Heimat, dann sehnt er sich in der Regel wieder aufs Wasser. Warum das so ist? Der Seemann kann das Heckenhöhenproblem des Nachbarn trotz guten Willens nicht erkennen. Wer Leben und Tod ausgesetzt war dort draußen, wer sein Leben schon einmal jenseits der Kante baumeln sah, der versteht nicht, wie man Glaubenskriege um Stelen in Tempo-30-Zonen führen kann. Da kann er nicht mit streiten, da kann er nichts zu sagen, da geht er wieder. Da mag nun der Psycholog' hinter dem Jägerzaun den Finger heben: Verdrängung! Da sagt der Seemann: Genau. Denn er weiß, seit Archimedes gilt: Ohne Verdrängung kein Leben, kein Überleben auf See.



Aus "87 TAGE BLAU - Logbuch einer Erdumrundung in Text und Fotografien" von Peter Schanz



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1 Kommentar 10.5.12 07:35, kommentieren

Männer ...




Sie konnte auch nicht verstehen, warum ihre Freundinnen immer ein solches Theater machten um ihre Männer. Wenn sie sich mit Beat stritt, was selten vorkam, ging es immer um ganz konkrete und benennbare Probleme, die sie ihm sachlich darlegen konnte und die er meist nach kurzem Trotzen akzeptierte. So hatte er im Lauf der letzten elf Jahre folgende Dinge ihretwegen aufgegeben: zu schnelles Autofahren, Fußballspielen und Anschauen von Fußballspielen am Fernsehen, Ausspucken in der Öffentlichkeit, andere Frauen, mit dümmlichen Sprüchen bedruckte T-Shirts, seinen lauten Jugendfreund, ins Bett gehen, ohne die Zähne geputzt zu haben. Sie konnte sich also nicht beklagen.




Milena Moser aus "Der junge Mann von gegenüber"


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2 Kommentare 30.4.12 07:23, kommentieren

Du brauchst meine Augen




Nachdem sie in der Küche eine ganze Tüte Milch leer getrunken hatte, kam sie nach vorne, stellte sich ans Fenster und sah lange auf das Aquarium gegenüber. Sie studierte den Blick, den ich auf sie gehabt hatte. Dann, irgendwann, sagte sie: "Hoffentlich schaff ich's, dir zu verzeihen, daß du mir nachgeschnüffelt hast. Das war unendlich gemein."
"Nein, war es nicht."
Sie schwieg und sah mich an.
"Du brauchst meine Augen", sagte ich.


Letzter Abschnitt aus "Aquarium" von Thommie Bayer



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Endlich habe ich sie anhören können - Adele in der Royal Albert Hall, ein wunderbares Konzert. Lohnt sich sehr. Danke an Petra und Volker.



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Und noch ein Hinweis auf eine Veranstaltung am 5. Mai 2012 in Bern, bei der u.a. meine Liebste ausstellt.


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Danke Nicole Soltermann


1 Kommentar 24.4.12 10:57, kommentieren

Schmollen




Wir entdeckten, dass es verdammt schwierig ist, etwas zu sagen, ohne auf Sehen anzuspielen. Außerdem ist es so, dass - wenn etwas verboten ist, wenn man aufpassen muss, etwas nicht zu sagen - es einem umso leichter rausrutscht. Wir fanden, dass wir kein wachsames Auge mehr auf etwas haben konnten. Wir durften ganz bestimmt keine blinden Flecken entdecken. Niemand war uns ein Dorn im Auge. Wenn wir etwas verstanden hatten, waren die Wörter einsehen und durchschauen tabu. Wir kriegten sogar einen Kloß im Hals und Magendrücken, wenn der Nachrichtensprecher über Betrachter, Beobachter oder Augenzeugen sprach. Wir entdeckten, dass wir viel öfter, als wir dachten, Dinge sagten wie: "Mal sehen, wie es läuft", oder (am Telefon): "Ich schau mal eben, ob Gerard zu Hause ist". Es machte uns verrückt. Gucken, starren, spähen. Beäugen, anschauen, betrachten, beobachten. Beaufsichtigen, abgucken, angaffen, besichtigen. Wir verloren niemanden aus dem Auge, drückten nie ein Auge zu, und ein Augenblick wurde ein Moment. Oma Anna hatte die seltsame Gewohnheit, Gerson ihren "Augenstern" zu nennen. Sogar jetzt, wo er dreizehn war und einen Kopf größer als sie. Er war und blieb ihr jüngster Enkel. Wir konnten sie davon überzeugen, dass das jetzt wirklich nicht mehr ging und sie sich eventuell ein anderes Wort ausdenken musste.
"Glaubt ihr eigentlich, dass ich blöd bin", fragte Gerson. "Könnt ihr bitte normal reden?"
Sogar jetzt, wo er nichts sah, durchschaute er uns. Er hatte schon immer gespürt, wenn wir ihm einen Gefallen tun wollten, aber das konnte er nach wie vor. Was seine Laune nicht gerade verbesserte."




Gerbrand Bakker aus "Birnbäume blühen weiß"



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Und neue Musik von Michael Kiwanuka ...


2 Kommentare 22.4.12 10:35, kommentieren