Wortgarage

Das bereust du nie



"Alice packte ihre Koffer an einem Nachmittag, saß dann auf dem Stuhl an Conrads Tisch lange vor dem Gästebuch, nahm schließlich den Stift in die Hand und brachte es fertig, einen Gedankenstrich aufs Papier zu ziehen, selbst das war ihr peinlich. Ein letzter Aperol auf der Terasse mit den roten Kissen, den kaltblütigen Eidechsen, dem unerträglich schönen Blick in die Gegend. Der Rumäne, seine gleichgültige, unveränderte Höflichkeit. Soll ich dich jetzt heiraten oder was, zum Heiraten sind wir doch aber viel zu alt, Alice fragte sich das und kam zu keinem Schluß. Noch einmal schwimmen gehen. Noch ein letztes Mal. Mit den Sandalen in der Hand zum kleinen Steg hin vor der Mauer, dem Tor zum verwilderten Garten. Als Alice sich auszog, ganz auszog und ins Wasser ging, vorsichtig und stolpernd auf den glitschigen Steinen, fiel ihr ein, was Conrad über den See gesagt hatte, damals, als er sie einlud, zu kommen. Er hatte gesagt, der See sei immer eiskalt, sie werde sich überwinden müssen, ins Wasser zu gehen. Er hatte gesagt, du wirst aber trotzdem ins Wasser gehen. Und du wirst es nicht bereuen. Das bereust du nie.

Wie war das zu verstehen. Und was bedeutete das für alles andere. Alice gab den Grund unter ihren Füßen auf, tauchte ein und schwamm hinaus."




Judith Hermann aus "Alice"




18.11.12 09:23

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