Wortgarage

Die Teilacher



In der Stadt war man in einer wilden, ungezügelten Welt.
Zwischen den Trümmern gab es Bars und Bordelle, Kinos, ET-Taxis, Kneipen, Schwarzmarkt am Hauptbahnhof. Jeden Tag kamen in voll beladenen Zügen Menschen an, und die Stadt absorbierte sie. Dazwischen Kaugummi kauende US-Soldaten, sechs Fuß hohe schwarze GIs mit verspiegelten Sonnenbrillen und T-Shirts. Welch ein Kontrast. Die Amerikaner lümmelten in pinkfarbenen Buicks, begleitet von spitzbusigen, nylonbestrumpften, jungen, weißen, blonden deutschen Frauen, gemästet mit Hotdogs und Coca Cola vor der PX, an deren Hintertür kistenweise Bourbon und Zigarettenstangen an kleine Männer verkauft wurden . . .

. . . die dann frierend an einer Ecke warteten, um zufällig vorbeischlendernden Polizisten hastig eine Flasche Kentucky Bourbon und ein paar Schachteln Lucky Strike zuzustecken.
Hier, für dich, Eberhard . . . Danke, Jankel!
Ja, so lebten sie in der Welt zwischen Deutschen und Amerikanern.
Die Teilacher.

Das jiddische Substantiv »Teilacher« ist der Cousin des jiddischen Berliner Verbs »teilachen«, und das heißt im vulgären Sprachgebrauch so viel wie »abhauen«. Seinen Ursprung hat dies wiederum in dem Wort für Hausierer und müsste eigentlich »Teillaacher« geschrieben werden. Es ist ein Pleonasmus und setzt sich zusammen aus dem Begriff »Teil« und dem Wort »Laachod«, Einzelhandel. Der Teilacher, als Vertreter des Einzelhandels, ist das kleinste spaltbare Teilchen, das Atom der Kaufmannswelt. Was den Teilacher vom herkömmlichen Handlungsreisenden unterscheidet: Der Teilacher ist Jude. Oder er gibt sich als solcher aus. Denn es gab eine Zeit, da konnte das, unglaublich, aber wahr, Vorteile haben.
Aber auch Nachteile.


Wer allerdings glaubt, Teilacher wären gern Teilacher, der irrt.
Sie mögen ihren Beruf nicht. Mal ehrlich, ist das ein Leben für einen ausgewachsenen, intelligenten Menschen? Nein, die Teilacher der Nachkriegsjahre waren Gestrandete. Sie alle hatten die Idee gehabt, Warenhausbesitzer, Wundergeiger, Architekt, Anwalt oder Arzt zu werden, aber der Führer wusste dies zu verhindern. So sahen sie ihren Beruf als eine Art von vorübergehendem, schicksalhaftem Ereignis auf dem steinigen Weg zu etwas ganz anderem, etwas Besserem.
Teilacher wurden als niedere Kaste angesehen. Und so begab es sich, dass sie ihre Kinder mit Liebe überschütteten und mit Ausbildungsterror überzogen, denn die sollten es einmal besser haben. Sie sollten Warenhausbesitzer, Wundergeiger, Architekten, Anwälte oder Ärzte sein.
Bei den Teilachern gab es nun mal keine Familientradition fortzusetzen. Was sollte ein Teilacher wohl seinen Kindern auf dem Sterbebett zuflüstern? Wie man einen Klingelknopf drückt und einen Fuß in die Tür stellt? Was war schon dran an so einem Paket Wäsche?
Wer braucht das? Ein »pekl«, wie es hieß, bestand in der Regel aus einem Posten Aussteuer, das waren Kissenbezüge, Bettbezüge, Laken 100 x 190, ein Tischtuch, Damast, mit sechs Servietten, sowie Frotteebadetücher und Hand- und Küchentücher. Uni oder gemustert, oder ja oder nein.
Natürlich wehrten sich die Deutschen mutig gegen diese aufdringlichen Männer, aber die Sachen waren günstig, es war kein tinnef, keine schmattes, es waren mezijes. Preiswerte, einmalige Jahrhundert-Super-Sonder-Gelegenheiten:
Herrliche Ware, Weißwäsche, Kattun, Damast, Leinen, Spitze, fühlen Sie, fassen Sie es an, na? Ist das ein Frottee? Ah, und wenn Sie jetzt den Preis hören, werden Sie mich für meschugge halten, Sie werden mich abholen lassen ins Irrenhaus. Wenn ich Ihnen sage, was soll ich Ihnen sagen, der Stoff kostet mich allein schon . . . beim Augenlicht meiner Frau, wissen Sie was, aber Sie sagen es zu keinem nicht weiter, meine Kollegen steinigen mich, also nennen Sie einen Preis, und ich akzeptier!
So redete man mit diesen sperrigen Deutschen, und schließlich kauften sie und kauften, und jedes Aussteuerpaket, das zwischen Winter '45 und Winter '65 in einem deutschen Kleiderschrank oder in Omas Erbtruhe mottensicher verstaut wurde, war durch die Hände eines fleißigen Teilachers gegangen, schwer verkauft mit Lachen, Lügen und Weinen.



Michel Bergmann aus "Die Teilacher"


David Bermann ist einer dieser Teilacher und der Onkel von Alfred, dem Erzähler dieses wundervollen Romanes. Als David Bermann stirbt macht Alfred sich auf die Geschichte des alten Mannes zu erzählen, der so viel Leid erfahren hat, der 21 Angehörige in Auschwitz verloren und dafür ein paar tausend Mark Entschädigung erhalten hat. Der aber nie seinen Lebensmut, seine Freude am Verkaufen und an den Frauen verloren hat. Und desser Rettung der jüdische Humor ist. Davon lebt der Roman. Jüdische Witze und jiddisches Idiom sind sozusagen das Rückrad der Menschen von denen er handelt und auch das Rückrad der Geschichte. Berührend und komisch, zum Lachen und zum Weinen ... sehr lesenswert auf jeden Fall.



037523950-die-teilacher


Und heute morgen haben wir die Nacht zum Tag gemacht und den ersten Läufern des 100 km-Laufs von Biel applaudiert, die hier bei ca. km 60 durchkommen. Die ersten waren noch ausgesprochen fit, das ist eine so bemerkenswerte Leistung.

Leider war's mit den Bildern nur beschränkt ...


100 km

9.6.12 10:18

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen