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Astern



Astern -, schwälende Tage,
alte Beschwörung, Bann,
die Götter halten die Waage
eine zögernde Stunde an.


Noch einmal die goldenen Herden
der Himmel, das Licht, der Flor,
was brütet das alte Werden
unter den sterbenden Flügeln vor?


Noch einmal das Ersehnte,
den Rausch, der Rosen Du -,
der Sommer stand und lehnte
und sah den Schwalben zu,


noch einmal ein Vermuten,
wo längst Gewißheit wacht:
die Schwalben streifen die Fluten
und trinken Fahrt und Nacht.



Gottfried Benn


1.10.12 07:17, kommentieren

Grauer werdendes Blau



halbschatten
lauern gefährlich hinter
sommermauern
fressen sich
brandherden gleich
immer tiefer ins grün
fallen blätter
wie ausgelesene seiten
in grauer werdendes blau
schnürt das dunkle
die letzten lichtsäume
zu einem blindtext zusammen



Hermann Josef Schmitz


2.10.12 07:20, kommentieren

Haltegriffe



"Sein Vater sah ihn an, mit den alten Augen eines alten Mannes. Mit diesen Augen, die nicht einmal bei der Beerdigung seiner Mutter in der Lage gewesen waren, Tränen zu produzieren. Mit Augen, in denen nichts Böses war. Nicki hätte nicht sagen können, ob es an diesen Augen lag oder am Schnaps oder daran, dass er müde war, aber mit einem Mal wurde ihm klar, dass sein Vater sich nicht öffnen würde, nie, dass seine Sätze und Worte Haltegriffe waren, dass er diesen Nebel aus Floskeln produzierte, weil das, was eigentlich zu sagen wäre, zu gross, zu komplex, zu undurchdringlich war und keine Verbindung hatte zu den Worten, aus denen ihre Sprache bestand.
Und er selbst? Was sagte er immer, wenn er seine eigenen Gefühle nicht in Sätze gepackt bekam? Ich liebe dich, das sagte er, weil es stimmte und weil es einfacher war."



Harriet Köhler aus "Und dann diese Stille"



Sehr lesenswert, nachdrücklich und auf seine Art und Weise still. Harriet Köhler zu lesen lohnt sich.


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3.10.12 11:53, kommentieren

Bulimische Tage



bulimische tage
die schmalen streifen
aus gegenlicht
baut man sich hoffnung
schicksalsverwalter
schreiben für und wider

und meinen sich selbst
gegendarstellungen
sind nutzlos
ein satzzeichen
zwischen den leerzeilen
nichts weiter
als ein platzhalter
vor der früher
kommenden nacht



Hermann Josef Schmitz



4.10.12 09:59, kommentieren

Ich könnte am Sonntag



Als Murray am Donnerstagabend auf einen Wein in die Bayham Road Nr. 11 kommt, um mit Xavier auf das Ende ihrer Arbeitswoche anzustoßen, fällt ihm sofort auf, wie sauber es in Xaviers Wohnung ist.
"Bist du sicher, dass du n-n-nicht auf einmal eine Frau hast?"
"Bloß eine Putzfrau." Xavier gießt den Rest einer Flasche Cabernet Sauvignon in zwei bauchige Gläser. "Aber eine sehr gute."
"Sieht ganz so aus. Ich trau mich ja gar nicht, was anzufassen."
"Warte erst, bis du sie kennenlernst. Dann traust du dich erst recht nicht mehr."
"Ist sie verrückt?"
"Nein, sie ist bloß ziemlich ... schräg."



Mark Watson aus "Ich könnte am Samstag"





Heute vor 50 Jahren veröffentlichten die Beatles ihre erste Single ... ich wünsche Euch ein schönes liebevolles Wochenende.




5.10.12 09:57, kommentieren

Schwarze Sonnenblumen



keine sonnenwenden mehr
eingerußte gesichter
ausgestandene kraft


hinter dem mund
voll atem ohne worte
ein verräterischer schatten


dann gehen die ufer
über die silberschleusen
und wir rücken näher aneinander



Hermann Josef Schmitz


6.10.12 10:03, kommentieren

Umarmung



ich entkomme
mir selbst
auf dem ruhelosen meer
ankere ich unerkannt
in deinem handgeformten hafen



Hermann Josef Schmitz

















Schmetterlingshaus auf der Insel Mainau.

8.10.12 08:53, kommentieren