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Einfach wieder schlendern


Einfach wieder schlendern,
über Wolken gehn
und im totgesagten Park
am Flussufer stehn.

Mit den Wiesen schnuppern,
mit den Winden drehn,
nirgendwohin denken,
in die Himmel sehn.

Und die Stille senkt sich
Leis´ in dein Gemüt.
Und das Leben lenkt sich
wie von selbst und blüht.

Und die Bäume nicken
dir vertraulich zu.
Und in ihren Blicken
find´st du deine Ruh.

Und die Stille senkt sich
Leis´ in dein Gemüt.
Und das Leben lenkt sich
wie von selbst und blüht.

Und die Bäume nicken
dir vertraulich zu.
Und in ihren Blicken
find´st du deine Ruh.

Muss man sich denn stets verrenken,
einzig um sich abzulenken,
statt sich einem Sommerregen
voller Inbrunst hinzugeben?

Lieber mit den Wolken jagen,
statt sich mit der Zeit zu plagen.
Glück ist flüchtig, kaum zu fassen.
Es tut gut, sich sein zu lassen.

Einfach wieder schlendern
ohne höh´ren Drang.
Absichtslos verweilen
in der Stille Klang.

Einfach wieder schweben,
wieder staunen und
schwerelos versinken
in den Weltengrund.



Konstantin Wecker



Konstantin Wecker wird heute 65 ... was für ein Leben und welch wunderbare Texte und Lieder.

Und zum Sehen:


Das Konzert zum 60. Geburtstag von Konstantin Wecker im Circus Krone heute im BR von 23:55 - 01:25 Uhr

Viel Freude damit, ein schlenderndes Wochenende und alles Liebe. Und hier ein Auszug des Konzertes gemeinsam mit dem wunderbaren Pippo Pollina:



1 Kommentar 1.6.12 07:32, kommentieren

Lichtschwimmer



die wirbel der bergrücken
sind weich geworden
zögerlich streift hagerer wind
über die gerstenfelder davon
streckt sich vergebens
der lange regenhals
über die entkommenen strassen
schwimmt goldenes licht
im letzten glockenschlag
öffnet der wächter der nacht
deine träume



Hermann Josef Schmitz




DSC02677

 

1 Kommentar 2.6.12 18:36, kommentieren

vor dem haus im gewitter




nach nur einem jahr unser beet grabschmal überwuchert, ein
beifussdickicht, die kiesel der einfassung wirbelsäulenfundstücke,
gelockert unter den fingern, weit geöffnet die tage:


die erdbewohner unten, hellgrüne raupen, scherben, plastikfetzen
ganz wie abgeworfene haut - bei glänzend aufgespannten
rhabarberblättern hörbar das tuscheln der vegetation, die sich rächt


für die arbeit mit dem sauzahn, der harke, das niederbeugen, säen,
den einwuzelversuch: wie es wieder verwildert zwischen kompost
und mauer, wie es einlädt sich anzuvertrauen den einfachen dingen:


gärung und gravitation -


was sind wir in der gewitternacht? wir stehen wie gespenster
vor dem haus, die zusammen geflickten wege in ihren
verwirrtheiten glänzen auf, verlöschen, leuchten


mit flackernden vergangenheiten umher und suchen uns:
wir stehen und können die jahre, die jahreszeiten
nicht halten, sie fliessen ab wie falsche farbe:


zwischen den blitzspielen und den rauschenden
wasservorhängen stehen wir vor dem haus
wie gespenster,


und es ist nackt hell und neu



Astrid Schleinitz aus "Wirbeltier"




wirbeltier_cover_web



3.6.12 09:08, kommentieren

Unruhig




ich kam in städte
traurige menschen standen an ampeln
ihr blick entleert
ihre bewegungen müde
ich ging durch städte
entzielte menschen sassen in fussgängerzonen
ihr blick verzehrt
ihre bewegungen entfernt
ich ruhte in städten
entfremdete menschen wohnten in silos
ihr blick programmfixiert
ihre bewegungen voller stiller unruhe


ich ging in andere städte
freundliche menschen gingen über strassen
ihr blick achtsam
ihre bewegungen in schwung
ich kam in andere städte
aufrechte menschen wuchsen in den tag
ihr blick hungrig
ihre bewegungen lichtfixiert
ich wohnte in anderen städten
neugierige menschen lebten an verschiedenen plätzen
ihr blick leuchtend
ihre bewegungen voller unruhiger stille




Hermann Josef Schmitz





4.6.12 07:26, kommentieren

leuchtfeuer




licht bist du mir
stets das reine
sanftes geleit
durch das meer


schimmer, die hoffnung
stets weisend
leitstrahl - mein
fixpunkt und mehr



Isabella Kramer aus "weniger bis meer - veredit-iertes"




isabella kramer


Herzlichen Glückwunsch, liebe Isabella, zu diesem einladend schönen Buch.

1 Kommentar 5.6.12 07:05, kommentieren

Hingabe




spätes sonnenmoos
wächst ins fensterglas
deiner träume
in meinen händen
vergehst du
vor lauter leben




Hermann Josef Schmitz


Und seit gestern bei mir - die CD "Baby Blues" von Y'akoto, deren Website (incl. ihrer Biographie) sehr lesenswert ist.





6.6.12 18:52, kommentieren

Rechenstunde



Zwei und zwei sind vier
Vier und vier sind acht
Acht und acht sind sechzehn
Wiederholen! sagt der Lehrer
Zwei und zwei sind vier
Vier und vier sind acht
Acht und acht sind sechzehn
Aber da fliegt der Wundervogel
Am Himmel vorbei
Das Kind sieht ihn
Das Kind hört ihn
Das Kind ruft ihn
Rette mich
spiel mit mir
Vogel!
Da schwebt der Vogel nieder
Und spielt mit dem Kind
Zwei und zwei sind vier
Wiederholen! sagt der Lehrer
Und das Kind spielt
Der Vogel spielt mit ihm
Vier und vier sind acht
Acht und acht sind sechzehn
Und wie viel sind sechzehn und sechzehn?
Sechzehn und sechzehn sind nichts
Und erst recht nicht zweiunddreißig
Denn das gibt ja keinen Sinn
Also schwinden sie dahin
Und das Kind hat den Vogel in seinem Pult versteckt
Und alle Kinder
hören sein Lied
Und alle Kinder
hören die Musik
Und nun verschwinden auch die acht und acht
Und die vier und vier und die zwei und zwei
Trollen sich
Und eins und eins sind weder eins noch zwei
Eins ums andre ziehn sie ab
Und der Wundervogel spielt
Und das Kind singt
Und der Lehrer schreit:
Wann hört ihr endlich mit dem Unsinn auf?
Und alle Kinder
Horchen auf die Musik
Und die Wände des Klassenzimmers
Sinken friedlich ein
Und die Fensterscheiben werden wieder Sand
Die Tinte wird wieder Wasser
Die Pulte werden wieder Bäume
Die Kreide wird wieder Felsen
Der Federhalter wird wieder Vogel.

Jacques Prévert




wolken 01


7.6.12 08:09, kommentieren