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Unmerklich




dieses fremde licht
fällt über die geputzten bergkämme
bis in die spitzen erkennst
du die zweige der bäume
wie ein saum aus treibholz
das in die ferne ufert
dieses fremde licht
wärmt dir die seele
und schreibt sich unmerklich fest




Hermann Josef Schmitz





1 Kommentar 1.2.12 09:00, kommentieren

Dankbillett




Das ist ein schöner Tag. Ich setze mich in ihn hinein, die Eukalyptusblätter fliegen ab und auf, sehr lange auf, und seh ich den Baumleib nackt und weiß weiß ich was das ist ein schöner Tag. Die römischen Männer scharwenzeln vorüber, spucken hübsche Wasserstrahlen in Marmorbecken und die ganz scharfen Carabinieri - warum fällt mir das Militär immer noch ein - halten Wache mit Federhüten und rauchen; alles anders als in Preußen, selbst die Uhrzeit, und der Mond liegt quer - ach wie danke ich meinem vorletzten Staat, daß er mich hierher katapultierte.



Sarah Kirsch


1 Kommentar 2.2.12 07:50, kommentieren

Achtsam bleiben




die geschichtsbücher
die von ungeborgenen orten schreiben
von unermesslichem leid
von bleibenden kränkungen
dürfen nicht blass werden
dürfen nicht ungelesen bleiben
die geschichtsbücher
die von unserer herkunft erzählen
haben ihre berechtigung
haben ihr gewicht in der welt
gegen das vergessen
gegen die gleichgültigkeit





Hermann Josef Schmitz



Habt ein schönes, erholsames, wärmendes und aufmerksames Wochenende und genießt die Stille der Zeit.




3.2.12 07:24, kommentieren

Kleinanzeigen




WER IMMER weiß,wo sich das Mitleid
(Phantasie des Herzens) befindet,
möge sich melden! Möge sich melden!
Er möge lauthals davon singen
und tanzen, als hätt' er den Verstand verloren,
vor Freude unter der schmächtigen Birke,
die immer weinen möchte.


ICH LEHRE das Schweigen
in allen Sprachen
nach der Methode der Versenkung
in den Sternenhimmel,
die Kiefer des Sinanthropus,
die Heupferdchensprünge,
die Säuglingsnägel,
das Plankton,
die Schneeflocke.


ICH ERNEUERE die Liebe.
Achtung! Gelegenheit!
Auf dem Rasen vom Vorjahr
im Sonnenlicht bis zum Hals
liegt ihr Tanz des Windes
(des vom vergangenen Jahr,
des Tanzmeisters eurer Haare).
Offerten unter: Traum.


GESUCHT WIRD jemand
zum Beweinen
der Greise, die in Altersheimen
sterben. Ich bitte,
sich zu bewerben ohne Geburtsurkunden
und ohne schriftlichen Antrag.
Die Unterlagen werden unbescheinigt
zerrissen.


FÜR DIE VERSPRECHEN meines Mannes
der euch verführt hat mit den Farben
der volkreichen Welt, ihrem Lärm,
dem Lied vor dem Fenster, dem Hund hinter der Wand:
Ihr würdet nie allein sein
im Dunkel und in der Stille und atemlos
- komm ich nicht auf.
Nacht, Hinterbliebene des Tages.

 

Wisława Szymborska (+ 01.02.2012)



1 Kommentar 4.2.12 12:20, kommentieren

Schneelandschaft - 10 Miniaturen

schnee 01


I

man muss sich das so vorstellen
wie wenn haut entsteht
sich ohne worte
als weisses laken
über den körper zieht




II


die bäume schweigen

in der verklebten landschaft
bleibt das auge stehen



III


die gefleckten schattentiere

trinken schneeluft
im anflug der zeit
wandern sie über die tagwiesen



IV


in der mundhöhle

aus schnee
verlischt das
räuspernde echo
das der wind
aus den ästen treibt



V


im schatten

der worte
kentert das papier



schnee 03




VI


die geborgenheit

hat ein winterfell



VII


zwischen den lichtstäben

lagern die geheimnisse
unter schattenhäuten



VIII


das licht hintergeht dich

hinter den gräsern
lauert ein kaltes verlies



IX


eins werden

verschwimmen
ein fenster
ein stiller baum
eine zeile aus luft



X


später

am ende der tauung
wirst du
die abdrücke
unerhörter worte
finden




Hermann Josef Schmitz





schnee 02



5.2.12 10:03, kommentieren

Wichtigkeit




Wenn ich etwas sage, verliert es sofort und endgültig die Wichtigkeit, wenn ich es aufschreibe, verliert es sie auch immer, gewinnt aber manchmal eine neue.


Franz Kafka


6.2.12 21:43, kommentieren

Vergehende Spuren




der fluß
trägt eisschollen davon
leise flattert ein hängender ast
im kalten kleid
bis sich die gläserne schale löst
sich der widerstand
die verbiegung
dann flattert er ein letztes mal
schmiegt sich leise
legt eine vergehende spur
in die strömung




Hermann Josef Schmitz

7.2.12 22:33, kommentieren