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Sieh doch




Sieh doch
sieh doch
der Mensch bricht aus
mitten auf dem Marktplatz
hörst du seine Pulse schlagen
und die große Stadt
gegürtet um seinen Leib
auf Gummirädern -
denn das Schicksal
hat das Rad der Zeit
vermummt -
hebt sich
an seinen Atemzügen.


Gläserne Auslagen
zerbrochene Rabenaugen
verfunkeln
schwarz flaggen die Schornsteine
das Grab der Luft.


Aber der Mensch
hat Ah gesagt
und steigt
eine grade Kerze
in die Nacht.



Nelly Sachs




1 Kommentar 1.10.11 08:33, kommentieren

Ungezähmt




Die richtige Liebe muss immer eine ungezähmte Landschaft bleiben dürfen.



Hermann Josef Schmitz




2.10.11 09:11, kommentieren

Einladung




Auf dem Tisch
Äpfel und Wein
Blumen zerbrechliche Farben


Du bist eingeladen


Ich wohne im Haus
Nummer Null


Den Duft malte Monet
Äpfel gereift bei Cézanne
den Wein brachte die Flaschenpost


Ich wiederhole
du bist herzlich
eingeladen




Rose Ausländer



Heute ein lokaler Tipp: Serenadenkonzerte von Cantus Avium. Wir kamen gestern Abend in den Genuss in Leingarten, es war ganz ganz schön.

Danke für den Tipp, liebe
Petra.




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2 Kommentare 3.10.11 09:35, kommentieren

Frei




auf das leise schnurren
der luft in den kastanienbäumen
antworten verantworten können
das wissen aus unangenehmen
erfahrungen unverpackt den geruch
reif gewordener zeitblüten
einatmen und nichts als erinnerung
begreifen das du keinen einlass
mehr benötigst wenn du deinen
tag aufschließt und das land
dein land betrittst





Hermann Josef Schmitz



4.10.11 07:20, kommentieren

Herbst in Berlin




Ich habe das gern, in Berlin zu sehn.
Ich sehe einfach gern in fremde Gesichter.
Ich habe das gern jetzt im Herbst, wenn die Lichter
Und Lampen im Zwielicht angehn.
Es gibt in der Stadt ein perlmutternes Licht,
Das im Umkreis der Neonlampen entsteht.
Türkis-Violett. Auf einer Schicht
Weißen Silbers. Schön, wenn man geht
Vom Strausberger Platz zum Frankfurter Tor
Links der Allee. Vor
Den Blumenrabatten, die Baumreihen lang.
Da sitzen die Leute Bank an Bank.
Unfesche Leute. Einfach. Viel alt.
Doch auch Jugend viel. In purer Gestalt
Das Volk dieser Stadt hält Atempause.
Raucht, schwatzt und geht gelassen nach Hause.
Mit dem Licht in sich, das zu Apfelrot reifte,
Und dem Lächeln, an das man zufällig streifte,
Als ein schönes Mädchen vorüberging,
Das ein reiner Junge wie erstmals umfing,
Nicht auf herausfordernd offene Weise,
Sondern verlegen, lächelnd und leise,
Wie Liebe in Märchen von Andersen geht.
Und das Bild dieser Stadt, das die beiden umsteht -
Kulisse unbedingt glückhafter Handlung -
Geht vom Abend zur Nacht in die nächste Verwandlung.




Eva Strittmatter



3 Kommentare 5.10.11 06:59, kommentieren

Ich bin




bin ich
des sommers gras
gewesen
der helle mund
von einer lauen nacht
bin ich
der prinz auf deiner haut
geblieben
am saum der worte
eigner kraft
bin ich
das tor von dichtem laub
geworden
des messers schnitt
an einer schattenwand
 



Hermann Josef Schmitz





3 Kommentare 6.10.11 06:52, kommentieren

Selbst leben




"Wenn das Gedicht fertig ist, muss es selbst leben. So wie ein Mensch."



Tomas Tranströmer


1 Kommentar 7.10.11 08:03, kommentieren