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ewig



ewig ist es


wenn man nicht
will dass es
gerade jetzt
vorbei geht


und auch nicht
später wenn es
schon länger dauert


und erst recht
nicht jemals oder
irgendwann


ewig ist das
was in deinem
blick liegt


wenn du den raum
und die zeit krümmst


und mir um den finger wickelst




Felix Wetzel



1.2.11 08:13, kommentieren

Unerkannt




wie schwarze seiten
die man blättert
verwebt der krähen flügel
die graue luft mit sich
auf einer quergezogenen linie
legt einer seine wünsche hin
sie sind zu leise
als das sie jemand sehen würde
sie sind zu wortlos
so schreckt nichts auf
und auch die luft sortiert sich wieder
wenn sich des flügelbuches
seiten wieder schließen



Hermann Josef Schmitz





2.2.11 07:12, kommentieren

Die Einsamkeit der Primzahlen




"In einem Seminar im zweiten Semester hatte Mattia gelernt, dass einige Primzahlen noch einmal spezieller als die anderen sind. Primzahlzwillinge werden sie von Mathematikern genannt: Paare von Primzahlen, die nebeneinanderstehen oder genauer, fast nebeneinander, denn zwischen ihnen befindet sich immer noch eine gerade Zahl, die verhindert, dass sie sich tatsächlich berühren. Zahlen wie 11 und 13, wie 17 und 19 oder 41 und 43. Bringt man die Geduld auf, weiter und weiter zu zählen, stellt man fest, dass solche Pärchen immer seltener werden. Man stößt auf immer weniger Primzahlen, die verloren dastehen in diesem lautlosen, monotonen, nur aus Ziffern bestehendem Raum, und es beschleicht einen das beklemmende Gefühl, dass die Pärchen, die einem bis dahin begegnet sind, rein zufällig zusammenstanden und dass es eigentlich ihr Schicksal ist, allein zu bleiben. Aber dann, wenn man schon aufgeben und nicht mehr weiterzählen will, stößt man auf ein weiteres Pärchen von Zwillingen, die sich, eng umschlungen, aneinander festhalten. Mathematiker sind davon überzeugt, dass man, egal wie weit man fortschreitet, immer wieder solchen Zwillingen begegnen wird, obwohl niemand sagen kann, wo sie stecken, bis man sie tatsächlich gefunden hat. Für Mattia waren sie beide, Alice und er, genau dies, Primzahlzwillinge, allein und verloren, sich nahe, aber doch nicht nahe genug, um sich wirklich berühren zu können. Er hatte ihr diesen Gedanken noch niemals anvertraut, und wenn er sich vorstellte, wie er ihr davon erzählte, verdampfte die dünne Schweißschicht auf seinen Händen vollends, sodass er zehn Minuten lang keinerlei Gegenstände mehr berühren konnte."



Aus die "Einsamkeit der Primzahlen" von Paolo Giordano


Sehr sehr lesenwert, berührend, verstörend und mit einigen Schatten ... aber sehr sehr lesenswert. 41-fR8Ein9L__SS500_


1 Kommentar 3.2.11 08:00, kommentieren

Vermessen

 

dann verliert
sich das gesicht bis zur unkenntlichkeit


eisfarbene halme
skelettbäume am hang
liegen schneefetzen
wie verlorene kleidung


dann zwischen
den statischen worten
vermisst du die
einsamkeit
von rechts nach links
und zurück



Hermann Josef Schmitz



4.2.11 06:25, kommentieren

tau




der himmel
verfenstert sich
ein geräusch geht auf
es riecht nach morgen


wonach glaubst du
schmecken die schnellen schritte
im nassen graskies
woher weißt du
es läuft jetzt alles
heiß und hell



Charlotte Warsen




1 Kommentar 5.2.11 08:19, kommentieren

unterwegs




dieses reisen
von rezeption zu rezeption
unerkannt gehst du durch hallen
schläfst in fremden betten
hungerst nach haut
es ist besser nicht fern zu sehen
es ist besser nicht rückwärts zu denken
in den ferngesprächen
hangelst du dich an wortseilen entlang
du hast sonst nichts ausser dem schweigen
über die nächte
hinweg altert das wachsein
hungerst du unbemerkt
nach stille und zärtlichkeit




Hermann Josef Schmitz







1 Kommentar 6.2.11 08:29, kommentieren

Sinn




Wo suchen wir die großen Linien in unserer Existenz, und wie entsteht Sinn im Alltag? Die Psychologie hat vier zentrale Elemente identifiziert, auf denen jede Sinnkonstruktion aufbaut:

Erstens empfinden Menschen ihr Leben als sinnvoll, wenn sie sich selbst Ziele setzen können. Ziele strukturieren kurz- und mittelfristig unser Leben, im Alltag hangeln wir uns von Zwischenziel zu Zwischenziel. Ein anhaltender Zustand der Ziellosigkeit ist für die meisten Menschen unerträglich. Viele dieser Zielsetzungen erfolgen unbewusst und sind in der Regel extrinsisch motiviert, werden also in Form von Pflichten und Erwartungen von außen an uns herangetragen. Nur relativ selten denken wir über die längerfristigen und eher intrinsisch motivierten Ziele im Leben nach, die eng mit einem emotionalen Wunschzustand verbunden sind: Glück, Ruhm und Ehre, das „Lebenswerk“, die überdauernde Liebe zu einem Partner, berufliche Erfüllung und so weiter. Solche Ziele sind idealisierte Fluchtpunkte, und sie geben unserem Alltagsleben eine Perspektive über den Tag hinaus.

Zweitens empfinden Menschen ihr Leben dann als sinnvoll, wenn es von Wertvorstellungen geprägt wird. Ein ganzes Bündel oft unbewusster moralischer, religiöser oder ideologischer Werte begründet und rechtfertigt unser Verhalten – vor uns selbst und vor den anderen. Nur noch selten stützen wir uns dabei vollständig auf tradierte Wertesysteme aus Ideologie, Philosophie oder Religion, stattdessen dominiert in der Regel eine selbstgezimmerte Privatmoral. Entscheidend ist, dass ein Wertesystem uns hilft, auch problematischen und krisenhaften Lebensereignissen einen Sinn abzugewinnen.

Drittens empfinden Menschen ihr Leben als sinnvoll, wenn sie ein Mindestmaß an Kontrolle über ihre Lebensbedingungen ausüben und sich als „selbsteffizient“ erleben können. Die Überzeugung, das eigene Geschick wenigstens in wichtigen Fragen beeinflussen zu können, ist ein Grundelement seelischer Gesundheit. Umgekehrt ist Kontrollverlust die Vorstufe zu depressiven und resignativen Zuständen, langfristig geht er einher mit Identitätskrisen und Sinnverlust. Dabei ist unerheblich, ob die Kontrolle faktisch auch immer ausgeübt wird oder lediglich auf einer Illusion basiert.

Viertens empfinden Menschen ihr Leben dann als sinnvoll, wenn sie sich selbst Bedeutung und Wert zuschreiben können. Dieses Selbstwertgefühl kann sich aus sehr unterschiedlichen Quellen speisen – etwa aus der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, aus der eigenen Leistung, aus einem wie immer begründeten Gefühl des Eigenwertes oder auch der Überlegenheit. Dabei geht es um soziale Vergleichsprozesse: um Anerkennung, Respekt, um die Einordnung auf einer möglichst günstigen Position in einer für maßgeblich angesehenen vertikalen Skala des sozialen Ansehens (Tüchtigkeit, Ehre, Cleverness, Humor, Beliebtheit …).



Quelle: Auszug aus dem Artikel „Sinn: Suchet und ihr werdet finden“ von Heiko Ebert in „Psychologie heute April 2010“


Auch wenn die Textveröffentlichung bereits einige Monate zurück liegt, finde ich den Inhalt sehr interessant ... DANKE an Beate, die mich immer mal wieder mit Lesestoff versorgt.

Leider ist gestern morgen Gary Moore gestorben, er war gerade mal 58 ... schade.


Hier eines der besten und größten Stücke:




7.2.11 07:11, kommentieren