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La Caleta




I


blauer wie blau unbekümmertes licht selten gewordene zeitblicke keines tages bilanzen geschlossene fensterläden unermütlich auf die kalten fliesen fallen mittagsschatten nicht jeden tag gleich wenn die städte zur unkenntlichkeit reifen ein anderer klang wenn die salzfinger am schwarzen sand krallen funkelnd die kratzwunden steinschwaemme die jahrtausende ihre spuren wie lange die steine wie kurz dein atem ein leben lang wie eine welle die weit hinter dem horizont blauer als blau ihre wurzeln entdeckt


II


bellend das wasser wie ein altgewordener hund bewachen die wellen die schwarzen steine verbeissen sich ihre zähne in den fusssohlen die verletzungen kriechen aus dem gemäuer des eingerichteten lebens und nisten für einen augenblick nichts ist zurecht gemacht nichts bereitet du musst dich selbst einrichten hinter den eigenen kontrollen später zwischen den worten entdeckst du ein unerkannt ein nicht gewesenes versäumnis es wäre gut gewesen eine reise zurück mit dem blick nach vorne später entkomme ich dem tag für minuten mit der hand mit meiner hand von dir an deinem herzen gehalten später bleibt der alte hund der aus dem wasser bellt später kommen und gehen die kläffenden salzzungen formen die steine schleifen und glätten bis du wieder ankommst und gehst



III


ein leiser nachmittag einen moment länger die grünen und blauen läden nie wird sie die schönste hier im dorf als ob das wichtig wäre hier aber der espresso ist ein gedicht und die strasse eine stille spur zwischen den häusern drängt der salzwind unmerklich vergeht das verspannte geflecht hinter dem lippenpaar




Hermann Josef Schmitz

 

 

 

1 Kommentar 1.10.10 09:56, kommentieren

Verspüren




"Mein Bruder bat die Vögel um Vergebung; das mag unsinnig klingen, doch es ist richtig; denn es ist alles wie der Ozean, alles fließt und berührt sich; eine Erschütterung an einem Ort verspürt man noch am anderen Ende der Welt ..."



Fjodor Dostojewskij





1 Kommentar 2.10.10 10:55, kommentieren

La Tejita




I


nah am horizont sammelt sich silbernes licht wie eine reife frucht in einer schale aus wasserglas


II


wohin gehen die gedanken am ufer wenn deine augen dem schritt folgen wohin gehen die schritte wenn deine gedanken keine richtung im blick haben


III


läuft wasser am ufer hinauf schnellen die salzkämme weisses gestein aufgeblühte luft läuft wasser am ufer hinab verbrennt die salzige krone ins nichts


IV


endlich dein unberührtes glück haut an haut im salzwind der himmel grau nah die gedanken einzig an dich und an dich und an jetzt





Hermann Josef Schmitz




1 Kommentar 3.10.10 12:04, kommentieren

Am Leben erhalten




"Ich schreibe und notiere täglich, und wenn ich das nicht tue, geht es mir sofort sehr schlecht. Nach zwei oder drei Tagen ohne Schreiben ist meist schon ein Krisenzustand da. Denn ich habe immer, in meinem ganzen Leben, eine nicht zu verdrängende Angst davor gehabt, irgendwann wieder stumm zu werden. Von daher war das Schreiben ein Leben lang ein lebensrettendes Hilfsmittel, das mir erlaubte, mit mir und anderen ein Gespräch zu führen. Das Schreiben und die Musik - sie haben mich also am Leben erhalten, und sie erhalten mich noch immer am Leben."




Aus einem Interview mit Hanns-Josef Ortheil in "Psychologie heute" Oktober 2010




 

2 Kommentare 4.10.10 13:14, kommentieren

In der Ferne




weissgoldenes vlies
auf der haut
wenn sich das licht schrägt


vergebens
sträubt sich der wind
im gefieder


treiben die flügel
bewegungslos


sehnst du dich
nach blauen läden
in der ferne





Hermann Josef Schmitz



1 Kommentar 5.10.10 22:05, kommentieren

O süsses Lied




"Wie soll ich meine Seele halten, dass sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie hinheben über dich zu andern Dingen? Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas Verlorenem im Dunkel unterbringen an einer fremden stillen Stelle, die nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen. Doch alles, was uns anrührt, dich und mich, nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich, der aus zwei Saiten eine Stimme zieht. Auf welches Instrument sind wir gespannt? Und welcher Geiger hat uns in der Hand? O süsses Lied."




Rainer Maria Rilke





6.10.10 12:06, kommentieren

Teide




I


atemlos in einer fremden weite luft holen unformen ungeraden unlinien eigene formen legte keine hand steine brach basaltwind legt sich an den saum der berge und streichelt die knorrigen wurzeln sie lassen sich nicht glätten nicht formen und ihre linien bleiben ungerade



II


zeiträume uferlose weite ungenügende worte andere farben verblichenes türkis eisernes braun nachtschwarz die rosen verblühen nie eidechsen blauschuppig steine flüstern hinter der glut du entwurzelst ihre worte und zahlen nicht sie zeigen dir wie klein die welt ist wie klein deine welt ist feuer brennt hinter der dünnen haut brandnarben erhoben einzig die weisse wolke im umgeblätterten blau du suchst den atem vor demut vor respekt vor staunen die basaltrosen leuchten so wundervoll schwarz



III


der windzug der die kurve formt legt seinen finger aus feuer die zungen gebrochener stein eine spur in einer anderen welt unmerklich verändert sich alles



IV


zu gross als liesse sich nur der augenblick fassen zu erhaben als fänden sich wörter genug





Hermann Josef Schmitz





 

2 Kommentare 7.10.10 12:29, kommentieren