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Nachtgedicht




Dich bedecken
nicht mit Küssen
nur einfach
mit deiner Decke
(die dir
von der Schulter
geglitten ist)
dass du
im Schlaf nicht frierst


Später
wenn du
erwacht bist
das Fenster zumachen
und dich umarmen
und dich bedecken
mit Küssen
und dich
entdecken





Erich Fried


märz 03

 

 

2 Kommentare 1.4.10 07:29, kommentieren

Strassenränder




strassen wiederholten sich
in all den jahren
an ihren rändern lagen
alte lebensumstände
und waren
zum abtransport bereit
trafen sich erinnerungen
an vergangene zeiten
die zaghaften geheimnisse
deren erfüllung ausblieb
die gehegten hoffnungen
um deren enttäuschung
du später froh gewesen warst
leitplanken verschwanden
andere strassen wurden vertraut
und zur gewissheit als weg
dem du endlich vertrauen konntest
strassen wiederholten sich
manche blieben dein weg
andere verschwanden
und die erinnerungen
an diese vergangene zeit
berührten nichts mehr
in dir ihr herzschlag
war verloren gegangen
und es war gut





Hermann Josef Schmitz



Seit gestern neu bei mir: Silje Nergaard - A thousand true stories

 

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Silje Nergaard - Tell me where you're going

 

 

1 Kommentar 2.4.10 00:05, kommentieren

Ostern




Die glocken läuteten,
als überschlügen sie sich vor freude
über das leere grab


Darüber, dass einmal
etwas so tröstliches gelang,


und dass das staunen währt
seit zweitausend jahren


Doch obwohl die glocken
so heftig gegen die mitternacht hämmerten -
nichts an finsternis sprang ab




Reiner Kunze

 

Ich wünsche Euch von ganzem Herzen schöne Ostertage, ein fröhliches Herz und viele schöne Begegnungen.

 

regenbogen  

© Annemarie Aeschbacher



2 Kommentare 3.4.10 07:37, kommentieren

Tulpenseide



auf tulpenseide
legst du den tag
nähst unsichtbar
die stunden zusammen
federleicht ist
das blaue lachen
der vögel gegen die luft
stülpt sich tulpenseide
ins licht
schaudert der
gläserne regen
im verlassenen kelch




Hermann Josef Schmitz

 



Gestern haben wir uns spontan im La Cappella Bern Knuth & Tucek gegönnt.

Und hier zum Reinhören:
Die Liebe hilft



4.4.10 08:38, kommentieren

Für immer ...

 


Es gab Tage, an denen es einfach nicht hat gelingen wollen. Du mischst eine Farbe, zeichnest ein paar Linien, machst einige Versuche, gehst ein paar Schritte zurück und kneifst die Augen zusammen: Zurücktreten! Denn es soll anders werden, anders, wenn du nur wüsstest wie; du hast nicht die geringste Idee und starrst voller Argwohn auf die zum Teil feuchte Leinwand; die Farbsequenzen Graublau-Karminrot-Rot-Orangerot-Blaugrau beruhigen dich keineswegs, im Gegenteil, es passiert etwas Lächerliches, dein Kinn wird länger, und dir wird klar, dass dir deine Fähigkeiten abhanden gekommen und deine unentbehrlichen Instinkte nicht mehr da sind, und du nimmst an: für immer.




Aus:Margriet de Moor - Erst grau dann weiß dann blau

 

 

1 Kommentar 5.4.10 08:03, kommentieren

Neu




verwirf deine geschriebenen worte
die atemlos geworden sind


schau auf den see
in seinem spiegel
glänzen wolken im blau


leg frische anemonenblüten
an dein unruhiges herz

 





Hermann Josef Schmitz




2 Kommentare 6.4.10 07:15, kommentieren

zweimal da




nur aus den augen-
winkeln, kurz, verlässlich:


das frühlicht
auf den nachbardächern


die projektionen auf den stämmen
als wären die blättchen


zweimal da





Nico Bleutge




7.4.10 07:17, kommentieren