Wortgarage

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Chiffre




Die Silbersichel
am farbkaleidoskopischen Himmel,
Zeitansagerin
im kreisläufigen Kosmos;
die geheimen Schriftzeichen
der winterlich-nackten Äste
versucht sie


zu entziffern.


Und sie souffliert
die Möglichkeiten
den Glücklichen.



 

Helmut Maier


november 16

 

2 Kommentare 1.12.09 07:41, kommentieren

Deine Haut



deine haut ist
der altar meiner zärtlichkeiten
wenn die spuren
der streichelnden finger
tagelang
ins herz wuchern
ist deine haut
der spiegel meiner jahresblüte
wenn die flüsse
der aufgetriebenen lippen
wortlos
den atem beschleunigen
ist deine haut
das aufgeschorene fenster
zum leben





Hermann Josef Schmitz


2.12.09 07:23, kommentieren

Schönheitskonkurrenz der Männer




Gespannt vom Spann bis an den Kiefer.
Von Oliofirmamenten triefend.
Nur der bekommt die Mister-Note,
der wie ein Striezel zugeknotet.


Er fürchtet einen Bären nie, bewahre,
den bedrohlichsten nicht (obwohl der nicht zugegen).
Drei unsichtbare Jaguare
erledigt er mit drei schnellen Schlägen.


Der Grätsche Meister und der Hocke.
Sein Bauch hat fünfundzwanzig Mienen.
Ein Vielgeschwulst - der Saal frohlocke -
dank seiner Zaubervitamine.





Wisława Szymborska




3.12.09 07:17, kommentieren

Zärtlich




nachts schreibst du
mit weisser tinte


dann streunen
deine worte
zärtlich durch meinen schlaf



Hermann Josef Schmitz





november 17

 

Ich wünsche Euch ein schönes 2. Adventswochenende und alles Gute.

 

3 Kommentare 4.12.09 07:10, kommentieren

Der entspannte Bogen




Es heisst, dass der alte Apostel Johannes gerne mit seinem zahmen Rebhuhn spielte.


Nun kam eines Tages ein Jäger zu ihm. Verwundert sah er, dass ein so angesehener Mann wie Johannes einfach spielte. Konnte der Apostel seine Zeit nicht mit viel Wichtigerem als mit einem Rebhuhn verbringen?


So fragte er Johannes: "Warum vertust du deine Zeit mit Spielen? Warum wendest du deine Aufmerksamkeit einem nutzlosen Tier zu?"


Verwundert blickte Johannes auf. Er konnte gar nicht verstehen, warum er nicht mit dem Rebhuhn spielen sollte.


Und so sprach er: "Weshalb ist der Bogen in deiner Hand nicht gespannt?"


Der Jäger antwortete: "Das darf nicht sein. Der Bogen verliert seine Spannkraft, wenn er immer gespannt wäre. Er hätte dann, wenn ich einen Pfeil abschiessen wollte, keine Kraft mehr. Und so würde ich das anvisierte Ziel nicht treffen können."


Johannes sagte darauf hin: "Siehst du, so wie du deinen Bogen immer wieder entspannst, so müssen wir uns immer wieder entspannen und erholen. Wenn ich mich nicht entspannen würde, indem ich z.B. einfach ein wenig mit diesem scheinbar so nutzlosen Tier spiele, dann hätte ich bald keine Kraft mehr, all das zu tun, was notwendig ist. Nur so kann ich meine Ziele erreichen und das tun, was wirklich wichtig ist."




Quelle unbekannt

 

Und ein paar Impressionen vom ersten Frost ...

dezember 01 


dezember 02 


dezember 03 


dezember 04 


1 Kommentar 5.12.09 10:06, kommentieren

Lippenwälder




katzenaugengrün
die nacht sternenklar
der aufgeschabte himmel
in den städten
poltert das licht
durch die
gebrochenen träume
es riecht nach
zusammenhängen
möchte ich gerne mit dir
voller sehnsucht
nach dem geheimen schloss
in deinen lippenwäldern
wäre ich gerne
in dieser nacht




Hermann Josef Schmitz


1 Kommentar 6.12.09 09:57, kommentieren

Ohne Titel



Sie haben das mächtige Meer unterm Bauch
Und über sich Wolken und Sterne.
Sie lassen sich fahren vom himmlischen Hauch
Mit Herrenblick in die Ferne.


Sie schaukeln kokett in des Schicksals Hand
Wie trunkene Schmetterlinge.
Aber sie tragen von Land zu Land
Fürsorglich wertvolle Dinge.


Wie das im Winde liegt und sich wiegt,
Tauweb überspannt durch die Wogen,
Da ist eine Kunst, die friedlich siegt
Und ihr Fleiss ist nicht verlogen.


Es rauscht wie Freiheit.
Es riecht wie Welt.
Natur gewordene Planken
Sind Segelschiffe. - Ihr Anblick erhellt
Und weitet unsre Gedanken.

 


Joachim Ringelnatz


3 Kommentare 7.12.09 06:57, kommentieren